Kolumne

Bitte fühlt euch nicht wie zuhause

COUCH-Autorin OKKA ROHD über nette Gäste und böse Überraschungen: Man teilt mit dem Besuch ja nicht nur die Zimmer, sondern auch Marotten

Es war ein Knaller-Abend. Die Geschichten wurden immer brüllkomischer, Tina führte das Tattoo vor, dass sie sich an ihrem 18. Geburtstag hatte stechen lassen, und Achim das Solo, mit dem er klar die Luftgitarren-Weltmeisterschaft gewonnen hätte. Um drei Uhr morgens fielen wir in die Betten, vielleicht wollten Tina und Achim uns aber auch bloß loswerden. Denn während ich am Einschlafen war, hörte ich komische Geräusche aus dem Wohnzimmer. Sehr komische Geräusche.

 

Noch seltsamer wurde es am nächsten Morgen, nachdem sich die beiden verabschiedet hatten. Das Schlafsofa war weit nach rechts verschoben. Der Sessel stand in der gegenüberliegenden Ecke. Und das Verrückteste: Sie hatten alle Stecker rausgezogen. Jeden einzelnen. Den Fernseher. Die Leselampe. Die Airport-Station fürs Internet. Was war das? Panische Angst vor Elektrosmog? Ein spontaner Anfall von Feng-Shui? Gab’s unter unserem Sofa eine Wasserader? Oder hatte Achim doch noch nachts für die Luftgitarren-Weltmeisterschaft trainiert?

 

So oder so: Mir wird es allmählich ein bisschen unheimlich, was mit unserer Wohnung passiert, wenn Besuch kommt. Kurze Bilanz der letzten Monate: ein leer gedrücktes (übrigens sauteures) Peeling (mein Bruder dachte, es sei Duschgel, und war mal so frei). Ein zerdepperter Becher (kann passieren, aber ausgerechnet mein Lieblingsbecher!?). Eine halb aufgegessene Milchschnitte unterm Schrank, die beim Auffinden als solche nur noch schwer zu erkennen war (Täter unbekannt, ist vielleicht auch besser so). Und eine neu sortierte, jetzt alphabetisch geordnete Gewürzschublade (meine Mutter fand, dass man da sonst überhaupt nichts findet). Man kann das als Kompliment sehen. Gäste fühlen sich so wohl bei uns, dass sie sich benehmen, als wären sie zuhause. Mich überkommt schließlich auch alle paar Monate der Rappel, alles neu zu dekorieren und umzustellen. Aber gleich das Sofa? Und alle Stecker raus?

 

Oder sind das nur die ganz normalen Macken und Marotten, die ausnahmslos jeder Mensch hat? Ich sollte ja vermutlich auch niemandem erzählen, dass ich weiße Teekannen sammle und sie nur in einer ganz bestimmten Ordnung stehen dürfen: die mit den goldenen Punkten vorn in der Mitte, dahinter alle anderen, und zwar mit dem Henkel nach rechts – nach links gedrehte Henkel ertrage ich nicht. Genauso wenig wie Handtücher, die eine andere Farbe haben als Schwarz. Ich kann es auch nicht leiden, wenn beim Einschlafen noch irgendwo ein Standby-Lämpchen leuchtet, und lege nachts immer Kissen vor den Fernseher. Äh, ja.

 

Vielleicht fahre ich demnächst einfach mal Tina und Achim besuchen. Sobald sie im Bett sind, werde ich ihnen alle Teekannen umdrehen. Und alle Stecker einstecken. Schließlich gibt es nichts Schöneres, als sich bei guten Freunden ganz wie zuhause zu fühlen .

 

 

 

Illustration: Veronique Stohrer