Kolumne

GERN VON GESTERN

Unsere Kolumnistin fragt sich, woher der VINTAGE-TREND eigentlich kommt und warum Design mit Patina uns so glücklich macht

Letztens traf ich mich mit einer Freundin in einem neuen Café. Es war frisch tapeziert wie aus den 50er-Jahren, in Braun und Orange. Die Teakstühle, auf denen wir saßen, kamen aus den 60ern, genau wie das Porzellan. Zwei Mädchen am Nebentisch hätten in ihren Kleidern gut in die 70er gepasst. Lediglich am Latte Macchiato ließ sich erkennen: Wir haben 2012. 

 

Bis vor ein paar Jahren hätte man hinter der Ladeneinrichtung einen Finanzierungsengpass bei der Renovierung vermutet. Inzwischen sitzt man ständig in Cafés, Hotellobbys oder auch Wohnungen von Freunden, die aussehen wie aus einem anderen Jahrzehnt. Gleich daneben findet man meistens noch die Boutique, in der die passenden Retro-Kleider verkauft werden. Aber warum freut es uns eigentlich, wenn unsere Umgebung – und unsere Kleidung – möglichst alt aussehen? 

 
Erste Vermutung: Um ein Vintage-Stück zu finden, ob nun Möbel oder Mode, muss man sich ins Zeug legen. Flohmärkte abklappern, mit Trödlern verhandeln, die Nächte vor Auktionswebseiten verbringen. Die Belohnung: Man bekommt etwas, das sonst keiner besitzt. Okay, fast keiner. Ein Eames-Stuhl ist kein Einzelstück. Aber ein Eames-Stuhl, den man in der hintersten Ecke einer Lagerhalle entdeckt und zu einem Schnäppchenpreis bekommt, ist etwas Besonderes. 
 
Zweite Vermutung: Etwas aus einem anderen Jahrzehnt hat schon einmal den Geschmackstest bestanden, kann also nicht komplett daneben sein. Und ein paar Kratzer und Dellen sind als Lebensspuren zu verbuchen. Vintage bedeutet schließlich, Geschichte weiterzuerzählen. Und auch, sich danach zu sehnen. So ließe sich erklären, warum moderne Dekorateure wie Kelly Wearstler und Jonathan Adler so erfolgreich damit sind, im Retro-Look einzurichten und neue Möbel mit Patina zu entwerfen. Und warum auch die Mode immer wieder zurückblickt. Für den nächsten Sommer, erklärte die radikale Modedesignerin Miuccia Prada, habe sie sich von der Unschuld der 50er-Jahre inspirieren lassen. Wir erinnern uns: die 50er, geordnete Verhältnisse, klare Rollenverteilung, gesunde Wirtschaft. 
 
Noch ein Grund, warum Vintage so beliebt ist: Je mehr Zeit seit dem Jahrzehnt vergangen ist, desto schöner erscheint vieles rückblickend zu sein. Eines wird jedoch garantiert nie wieder gut aussehen: orange-braune Tapete. 
 
Marlene Sørensen 
FASHION

Glückspilz, wer einen Second-Hand- Burberry-Trench für sich ergattern kann

MODESCHMUCK

Stücke wie diese Kette von Chanel werden derzeit heiß gehandelt, über www.stylebop.com

ACCESSOIRES

Individuelle Brillen im 50er-Style: Modell „Jeunesse Dorée“ von Lunettes Selection, www.lunettes-selection.com

 

 

 

Foto oben stammt aus dem Buch:
Emily Chalmers
"Flohmarkt-Flair zuhause"
Verlag Gerstenberg