Kolumne

Hilfe, wir ziehen zusammen

COUCH-Autorin TINA RÖHLICH über die Schwierigkeit, sich in der gemeinsamen Wohnung auf einen Look zu verständigen, der beiden gefällt.

Vorletzte Woche war es tatsächlich so weit. „Es“ ist ausgezogen, endgültig. „Es“ ist das Sofa aus seiner Junggesellenbude, das letzte Stück Einrichtung von ihm, das ich in den vergangenen sieben Jahren nicht aus unserem Zuhause gemobbt hatte. Dass ich „Möbel-Mobbing“ mache, hat mir mein Freund schon oft vorgeworfen. Er hat dasselbe mit meinen Sachen versucht, nur war er dabei nicht so energisch wie ich. Oder einfach sehr verliebt. Als wir zusammenzogen, war für mich erst mal alles ganz easy: Meine Wohnung war groß genug für beide – also gab er seine auf. Als ich ihm dann für seine Sachen eine knappe Hälfte meines Kleiderschranks anbot und er nur empört auflachte, wurde mir allerdings klar: Ich würde mehr opfern müssen als nur ein bisschen Staufläche. Es gestaltet sich also schwierig, wenn zwei Einrichtungsstile so harmonieren wie Schokosauce und Fisch. Die Vorlieben meines Freundes: alles nüchtern in Weiß, clean, mit einem Schuss Technik. Ich dagegen stehe auf altes, abgelebtes Holz! Frische Farben an den Wänden! Coole Fundstücke! Blumen überall!

 

Großzügig erklärte ich mich bereit, meinen Wänden ihr unschuldiges Weiß zurückzugeben. Dafür verschenkte er sein altes Schlafzimmer. Und sein Sideboard. Und seinen Schreibtisch. Ich versuchte derweil zu ignorieren, dass seine schwarzen Automodelle zwischen meinen bunten Glasvasen parkten. Natürlich zog auch besagtes Sofa ein. Meine – unsere! – Wohnung war also vollgestopft, wir kamen uns vor wie in einem Kuriositäten-Kabinett. Und trugen leidenschaftliche Diskussionen darüber aus, wer denn von uns nun mehr Stil besaß: „Du und deine muffigen Aquarelle.“ – „Hey, das hat meine Oma gemalt!“; „Sag nie wieder, mein Sofa sei grün – das ist beige!“ – „Bist du farbenblind oder ich?“ Das einzig Gute ist: Solange man über Möbel streitet, kann man sonst eigentlich keine Probleme haben.

 

Heute, ein paar Jahre und ein neues Zuhause später, haben wir uns erstaunlich gut arrangiert. Die Geschmacks-Osmose geht zwar noch nicht so weit, dass wir Anoraks im Partnerlook tragen. Aber vor dem Umzug haben wir vieles aus unserem Sammelsurium eliminiert und dafür ein paar neue, zeitlose Stücke einziehen lassen. Über Stilfragen streiten mein Freund und ich heute nur noch selten. Trotzdem gibt es da eine neue gestalterische Kraft, die unser ästhetisches Konzept torpediert: unser dreijähriger Sohn. Jetzt parken grüne Plastik-Traktoren vor der stylishen, weißen Couch. Ein Wikingerhelm, eine Schaumstoff-Axt und eine Dinosaurier-Taschenlampe haben sich ihren Stammplatz im Designer-Regal erschlichen. Dutzende Playmobil-Männer und -Frauen wandern immer wieder aus dem Kinderzimmer ins Wohnzimmer, sobald man mal kurz nicht aufpasst. Mein Freund und ich sind uns diesmal einig: Dagegen ist jede Style-Polizei machtlos.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    

 

Illustration: Veronique Stohrer

von

Tina Röhlich

Kolumnistin Tina Röhlich und ihr Freund Björn haben den Schritt gewagt: "Wir trugen leidenschaftliche Diskussion darüber aus, wer von uns nun mehr Stil besitzt"

– mehr von Tina Röhlich