Kolumne

Tür an Tür mit Nervensägen

Mit Nachbarn ist es wie mit Verwandten: Man kann sie sich nicht aussuchen. CHRISTIANE TILLMANN über eine ganz besondere Beziehung

"Nachbar brutal mit Besen attackiert", stand heute in der Zeitung. Nicht nett, dachte ich mir, aber immer noch harmlos gegen diejenigen, die statt des Besens gleich zum Klappspaten greifen – oder sich vor dem Amtsgericht um die Kirschen eines Baums an der Grundstücksgrenze streiten. Da es in Großstädten eher wenige Obstbäume gibt, entwickelt der Homo nachbarensis hier andere Marotten, um seine arglosen Mitbewohner in den Wahnsinn zu treiben. Beispiel: die K.s aus dem dritten Stock. Sie versuchen es mit Akustik-Folter. Kaum bin ich in Erwartung meines wohlverdienten Schlafes weggedöst, wird über mir die Brunftzeit eröffnet.

 

Von lautem "Oh jaaaa, Baby!" und allerlei "Du bist der Geilste!" begleitet, folgen 30 Minuten Matratzen-Tango, den selbst die festsitzendsten Ohropax nicht abschwächen können. Meine Kollegin Anja hat’s anscheinend auch nicht besser: Ihr Nachbar ist kurz vor der Rente, panoramatätowiert und unvorteilhaft selbstbewusst, will heißen, am liebsten putzt er die Fenster in seinen ollen Baumwollschlüpfern. Ohne Oberteil, versteht sich.

 

Der Landgewinnungsnachbar aus dem Mietshaus meines Freundes Mike ist zwar ein netter Typ, hat aber leider null Gefühl für Grenzen. Zuerst stand nur ein Paar Schuhe vor seiner Tür, dann der ganze Schuhschrank. Später folgten Rollerblades, Dreiräder und halb tote Topfpflanzen, die jetzt über den gesamten Hausflur diffundieren. Der kauzige Literat, der im Haus meiner Freundin Nina lebt, glänzt mit einer anderen Macke: Kaum treffen die ersten Sonnenstrahlen auf seinen Balkon, tritt er hinaus, rollt theatralisch seine überdimensionale Weltkarte aus, hängt sie auf und referiert laut aus seinem Lieblingsbuch. Schlimmer geht’s nicht? Ach was. Interessant ist auch das Leben Tür an Tür mit den netten "Hast du zufällig...?"-Typen. Sie rauben einen aus, ohne dass man es überhaupt merkt! Zuerst borgt man ihnen ein Ei, dann den Staubsauger und am Ende noch die Hi-Fi-Anlage dazu – meist ohne sie je wiederzusehen. Einer Partei im Haus habe ich so viele Kochzutaten geliehen, dass sie damit einen Catering-Service hätten aufmachen können. Die Disco-Pogo-Party-Nachbarn, die auch in fast jedem Mietshaus anzutreffen sind, würden wohl eher um Bier als um Eier bitten, denn – wie der Name schon sagt – verbringen sie einen Großteil ihres Lebens mit Feiern. Und zwar in Begleitung wummernder Elektro-Bässe. Ganz anders, aber ähnlich nervig ist der extensive Onlineshopper, der neben meiner Kollegin Petra wohnt. Er bestellt, sie nimmt an. Mittlerweile kennt sie alle Zusteller mit Vornamen und hat die Ecke hinterm Sofa zur Premium-Packstation erklärt.

 

Wobei mir grad einfällt, dass ich meine Online-Großbestellung auch noch bei dem gutmütigen Apotheker von nebenan abholen muss. Am Ende sind wir eben alle ein bisschen Nachbar, oder?

 

 

 

Illustration: Veronique Stohrer